Dr. Markus Schröcksnadel, Vorstandsvorsitzender feratel media technologies AG

Ein Gespräch über den Skitourismus als Lifestyleprodukt, irreführende Annahmen bei der Diskussion um die Erschließung neuer Skireviere, und warum der EU-Datenschutz die Innovationskraft digitaler Services in Zeiten von KI ausbremst.


Herr Dr. Schröcksnadel, erste Zahlen zeigen, dass sich das Wintergeschäft in dieser Saison voraussichtlich vollends von der Coronazeit erholt. Können Sie diese Prognose bestätigen?

Dr. Schröcksnadel: Auf jeden Fall. Der Schnee kam zum perfekten Zeitpunkt. Und das sehr gute Wetter rund um Weihnachten hat die Nachfrage zusätzlich angekurbelt. Ich denke, dass unsere Skigebiete und Seilbahnen dieses Jahr sogar noch besser gestartet sind als im Vergleich mit der Saison 2019/20. Wobei insbesondere die größeren Skigebiete in gut gemanagten Tourismusregionen nachgefragt sind. Nicht, weil diese immer höher gelegen wären, sondern weil der Gast ein gewisses Maß an Infrastruktur erwartet. Wer eine ganze Woche kommt, will eine gute Auswahl an Pisten und Hütten, an Restaurants und auch an Freizeitalternativen nach Liftschluss. Die kleineren Reviere können diesen Anforderungen weniger entsprechen. Gleichzeitig rechnen sich dort teure Investitionen, bspw. in neue Lifte, deutlich langsamer. Oder überhaupt nicht mehr.

Die Skipasspreise in Österreich sind heuer im Schnitt 7 % teurer als in der vergangenen Saison. Teils kratzt der Tagespass an der 80-Euro-Marke. Was tun die Seilbahnen, um das Skifahren auch für Familien weiterhin bezahlbar zu halten?

Ich würde zunächst eine wichtige Unterscheidung treffen. Da sind zum einen die Saisontickets für Einheimische. Diese sind in meinen Augen so gestaltet, dass Skifahren für die breite Masse möglich ist. Auf der anderen Seite gibt es das touristische Geschäft. Und hier muss man sagen: Winterurlaub ist mittlerweile im Highend-Bereich der Einkommen angekommen. Das klingt vielleicht nicht sympathisch – doch wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Wenn wir in andere Märkte blicken, beispielsweise in die USA, sehen wir, dass Skifahren dort schon ein teures Lifestyle-Produkt ist. Ein Produkt, das zwar 12 Millionen Amerikaner nachfragen – das aber bei 335 Millionen Einwohnern dennoch im kleinen einstelligen Prozentbereich liegt.
Für Österreich gilt: Ja, die Preise für Touristen steigen seit Jahren kontinuierlich. Gleichzeitig wird aber auch das qualitative Angebot in den Revieren stetig besser! Nicht zuletzt bedeuten zahlungskräftige Kundengruppen, dass das Geschäft auch in Krisen weniger volatil wird. Entsprechend sehe ich die Teuerungsraten keinesfalls negativ, sondern langfristig sogar als stabilisierenden Faktor für mehr Wertschöpfung und den Ausbau des Qualitätstourismus in Österreichs Regionen. Wobei das Thema Reisen auch in mittleren Einkommensschichten eine sehr hohe Relevanz hat. Viele fahren lieber in den Urlaub – und verschieben bspw. den Kauf ihrer neuen Küche.

Wie sieht es inzwischen mit der Akzeptanz der Gäste für dynamische Skipasspreise aus – und wie bewährt sich das Modell für Seilbahnen, die diesen Schritt schon gegangen sind?

Im Idealfall führt das dynamische Modell zu einer win-win-Situation. Auf der Kundenseite sollte das Gefühl bestehen, den Skipass weiter zu einem vernünftigen Preis kaufen zu können. Auf Seite der Skigebiete soll das System einerseits die Umsätze steuern, gleichzeitig aber auch lenkend eingreifen, wenn es schon sehr voll ist. In den Skigebieten, wo wir es schon eingeführt haben, zeigen sich alle Seiten mit dem Modell sehr zufrieden. Und wenn es von Verbraucherschützern immer heißt, dass gerade Familien, die auf die Ferienzeit angewiesen sind, abgezockt würden, kann ich nur sagen: Das stimmt nicht! Gerade Familien wissen schon lange im Voraus, wann Ferien sind und planen sehr frühzeitig. Wer seine Skipässe dann auch früh bucht, zahlt garantiert den günstigsten Preis. Der Buchungszeitpunkt ist der entscheidende Faktor beim Modell dynamischer Skipasspreise. Je später jemand bucht, desto mehr muss er tendenziell bezahlen. Darüber hinaus berücksichtigt der Algorithmus Faktoren wie das aktuelle Buchungsaufkommen und das Wetter.

Eine Lösung, noch viele Jahre Wintersport anbieten zu können, ist die Erschließung höher gelegener Areale. Gegen die Erschließung weiterer Gletscherflächen formiert sich aber auch in Österreich immer lauterer Widerstand. Wie bewerten Sie diese Diskussion?

Was in dieser ganzen Diskussion zu wenig deutlich wird, ist, dass es durch keine der angedachten Maßnahmen zu einem quantitativen Wachstum gekommen wäre. Niemand in Österreichs Skigebieten hat ein ernsthaftes Interesse daran, die Zahlen immer weiter hochzuschrauben. Worum es hier geht, ist die Frage: Wie halten wir die Qualität oder können diese noch verbessern? Und dafür sollte und muss natürlich an der ein oder anderen Stelle auch in den Gletscherrevieren, wo der Untergrund viel in Bewegung ist, optimiert werden.
Ich stelle mal leicht provokativ die Gegenfrage: Was sollen wir dort oben eigentlich schützen, wenn die Klima- und Naturschützer doch selbst sagen, dass die Gletscher in wenigen Jahrzehnten weggetaut sein werden? Den Wintersport als Treiber von klimatischen Entwicklungen zu stigmatisieren, lasse ich jedenfalls nicht gelten. Vielmehr ist es doch umgekehrt: Der Skisport ist ein Opfer des Klimawandels. Mir wäre wichtig, diese emotional geführte Diskussion künftig auf ein sachliches Niveau zurückzubringen.

Welche digitalen Tools sorgen heute schon für ein besseres Reiserlebnis?

Feratel sammelt zunächst einmal ständig neue Erfahrungen in Österreich als touristisch sehr intensiv genutztes Reiseland mit vielen verschiedenen Stakeholdern. Dieses Wissen nutzen wir, um unsere Produkte für alle Destinationen von der Adria bis zur Nord- und Ostsee stetig zu verbessern. Ziel all unserer Software-Lösungen ist die bestmögliche Vernetzung innerhalb einer Region bei gleichzeitig größtmöglicher Eigenständigkeit als einzelner Betrieb. Gepoolt werden diese Systeme B2B-seitig oftmals beim Tourismusverband. Auf Kundenseite wiederum ist unser Ziel, den Gast so frühzeitig wie möglich direkt zu erreichen, also seine Customer Journey aktiv mitzugestalten. Zentral dafür ist nach der Buchung unsere PWA-Lösung PIA. Dieser Personal Interests‘ Assistant, der bereits in mehr als 50 Destinationen im Einsatz ist, ist unser Alleskönner. Mehrsprachig lotst er Gäste durch die Destination, ist ein direkter Kommunikationskanal zwischen Gast und Gastgeber, kennt alle Events, hilft Aktivitäten zu planen, ermöglicht Online-Ticketing, steigert die regionale Wertschöpfung und bringt einen weiteren, wesentlichen Vorteil: Mehr Zeit für die persönliche Betreuung der Gäste. Nicht zuletzt ist das Thema digitale Gästekarte von großer Bedeutung. Je großflächiger diese seitens der Regionen in Sachen vergünstigte Angebote und kostenloser ÖPNV gedacht und vernetzt werden, desto größer ist der Nutzen für den Gast.

Was für technische Fortschritte in der digitalen Gästebetreuung erwarten Sie durch Künstliche Intelligenz?

Im Hintergrund werden viele Systeme durch KI schneller und effizienter arbeiten. Für den Gast erlebbar wird dies durch die Art und Weise der Kommunikation. Man wird bald Vieles im flüssigen Dialog mit dem Mobiltelefon erledigen können, wofür Sie heute noch tippen müssen. Auch werden die Ergebnisse auf Anfragen deutlich präziser und individueller. In der Hotellerie könnten intelligente Lautsprecher stehen, sodass Gäste nicht mal mehr ihr eigenes Smartphone brauchen, um Informationen zu bekommen oder Services zu buchen. Das Nadelöhr bei der Entwicklung besserer und personalisierter Services ist aber nicht die Technik, sondern der Datenschutz. Es bestehen erhebliche Rechtsunsicherheiten und unterschiedliche Länder haben verschiedene Regelwerke. Wir als Technologiedienstleister, bei dem viele Daten auflaufen, werden durch DSGVO und den AI Act der EU in unserer Innovationskraft erheblich eingeschränkt. Denn eins ist doch klar: Wer gute personalisierte Angebote haben möchte, muss auch zulassen, dass wir im Hintergrund mit möglichst vielen persönlichen Daten verantwortungsbewusst arbeiten dürfen. Wenn digitale Services stattdessen immer nur auf anonymisierte Cluster zugreifen dürfen, sind die Ergebnisse entsprechend weniger präzise. (28.1.2025)