
Ein Gespräch über halbherzigen Gletscherschutz, flexibleren Winter-Urlaub und die Zusammenarbeit mit Seilbahnern
Bei der Vorstellung des ÖAV-Gletscherberichts sagte Ihre Präsidentin Nicole Slupetzki, es sei zum Schutz der Gletscher notwendig, keine neuen beziehungsweise weiteren Skigebiete zu erschließen. Aber rechtlich ist das doch eigentlich gar nicht mehr möglich, oder?
In Tirol geht es nicht mehr um komplett neue Skigebiete, sondern um Erweiterungen oder Zusammenschlüsse von Skigebieten. Unter dem Landeshauptmann Weingartner Anfang der 1990er-Jahre gab es das erste Mal ein Stopp für den Bau von Skigebieten, aber er war nicht rechtlich verbindlich. 2005 wurde das Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramm beschlossen, das rechtlich verbindlich ist. In dieser Verordnung steht, dass Neuerschließungen von Skigebieten verboten sind. Der Alpenverein kritisiert, dass dieses Verbot über die Jahre ausgehöhlt wurde.
Wie genau?
Es ist seit einer Novellierung der Verordnung im Jahr 2011 möglich, bislang komplett unerschlossene Geländekammern zu erschließen. Ein weiterer Punkt: Fünf der sieben aktiven Gletscherskigebiete liegen in Tirol. Hier gibt es eigentlich einen absoluten Gletscherschutz, auch ein Eingriff in die Moränen und Vorfelder ist verboten. Neue Gletscherfelder dürfen also laut Gesetz nicht erschlossen werden. Aber die Seilbahner sind sehr mächtig und haben guten Kontakt in die Politik und so wurde das Naturschutzgesetz Anfang der 2000er-Jahre abgeändert. Und zwar dahingehend, dass es nun im übertragenen Sinne heißt: Die Gletscher sind absolut geschützt, außer es gibt eine Verordnung, in der etwas anderes festgelegt ist. Und genau diese Verordnung, in der tatsächlich Ausnahmen festgelegt sind, ist dann 2006 gekommen.
Was sind das für Ausnahmen?
Die Ausnahmen sind im Kaunertal, der obere Gepatschferner, und im Pitztal der Bereich Linker Fernerkogel und Mittelbergferner. Das sind die zwei Projekte, bei denen wir uns als Alpenverein stark engagieren, dass diese Erweiterungen nicht umgesetzt werden, weil es sehr große Eingriffe in das hochalpine Gelände wären. Der Gepatschferner ist zusammen mit dem Kesselwandferner die größte zusammenhängende Eisfläche der Ostalpen und völlig unverbaut, da gibt es keinen Lift! Also wer nur ein bisschen Naturverständnis hat, der sieht, dass das nicht zusammengeht.
Aber das Angebot wird immer unzuverlässiger, auch heuer gibt es Skigebiete, die wegen Schneemangel schließen müssen. In die Höhe zu gehen, bedeutet Ausweichmöglichkeiten.
Aber auch hoch gelegene Gletscherskigebiete haben Probleme: Der Gletscher zieht sich aufgrund des Klimawandels jedes Jahr weiter zurück. Was unter der Eisfläche liegt, weiß man vorher nicht. Manchmal sind es sehr steile Felsen oder bröckeliger Permafrostboden. Gletscherskigebiete müssen jeden Sommer enorme Baumaßnahmen durchführen, um einen sicheren Skibetrieb zu gewährleisten. Das ist nachvollziehbar beziehungsweise schlicht eine Notwendigkeit. Bei Vorgängen innerhalb der Skigebietsgrenzen bringen wir uns nicht ins Behördenverfahren ein. Aber über die Grenzen hinaus in unerschlossene Gebiete vorzudringen, ist nicht mehr notwendig. Das Angebot zum Skifahren ist in Österreich ausreichend.
Außerdem: Wie sieht denn der Trend im Skifahren aus? Klar, die Buchungslage ist in Österreich heuer wieder gut und international ist der Sport gefragt. Aber bei Österreichern geht das Skifahren zurück. Die Frage ist, wie sehen die Winter der Zukunft aus? Die Zeiten, in denen es eine geschlossene Schneedecke gibt, sind rückläufig. Generell muss sich im Mindset etwas ändern, sowohl bei den Touristikern und Regionen wie auch bei den Urlaubern. Der Klimawandel muss uns zu flexiblerem Verhalten führen. Wenn nicht genügend Schnee liegt, muss ich eben zu Wanderschuhen greifen.
Zum Thema Gletscherschutz startet just in diesen Tagen der neue Dokumentarfilm des ehemaligen Prodi-Snowboarders und Filmemachers Harry Putz. In „Requiem in Weiß“ kombiniert Putz Klimawissenschaft, Tourismus und Emotionen zu einer filmischen Hommage an die sterbenden Gletscher. Unter anderem kommen auch Touristiker und Seilbahn-Betreiber zu Wort. Putz hat auch Werbefilme für Tirol Werbung und Innsbruck Tourismus produziert.
Was sind Ihre Vorschläge, wie man auch im Winter wertschöpfend in Österreich urlauben kann – ohne neue Skigebiete?
Man muss wie gesagt, flexibler sein und auch Abwechslung ermöglichen, zum Beispiel auch mal Wandern oder Rodeln gehen, kulinarische Anreize setzen und regionale Besonderheiten und Stärken ausspielen. Der Tourismus geht ja eh in diese Richtung. Früher war alles auf den anlagenbezogenen Tourismus ausgerichtet: Skifahren, skifahren, skifahren. Mittlerweile versteht jeder, dass es diesen Monofokus nicht geben kann, und die Branche sich diversifizieren muss, vor allem auch hinsichtlich der Saison. Auch Zwischensaisons können attraktiv sein.
Wir sprachen über die komplett neue Erschließung von Gletschern, wie ist denn Ihre Haltung zur Verbindung bestehender Skigebiete?
Wie Sie sich denken können, sehen wir auch das kritisch. Auch das betrifft unerschlossene Gebiete. Denken Sie zum Beispiel ans Malfontal im Oberland. Da hat es den Plan gegeben, Kappl und St. Anton zu verbinden. Das wurde höchstgerichtlich abgelehnt mit dem Verweis, dass ohne die Verbindung beide Skigebiete eben nicht existenzgefährdet sind. Ich bin aus dem Stubaital, da gab es jahrelang die Diskussion, ob man die Gebiete Axamer Lizum und Schlick über das bestehende Ruhegebiet Kalkkögel hinweg verbindet. Dieser Plan ist auf sehr viel Widerstand in der Bevölkerung gestoßen und dann auch abgelehnt worden. In Ruhegebieten dürfen gesetzlich keine Seilbahnen gebaut werden und trotzdem wurde munter geplant! Aber in dem Fall ist Gesetz Gesetz geblieben.
Wie ist denn der Austausch mit den Seilbahn-Unternehmen? Ist er kooperativ oder konfrontativ?
Direkten regelmäßigen Kontakt haben wir mit den Verantwortlichen gar nicht. Wir begegnen uns zum Beispiel bei Diskussionen über aktuelle Projekte, das ist dann wegen der unterschiedlichen Positionen eher konfrontativ. Sie versuchen ihre Sicht der Dinge zu erklären und wir erklären unsere Sicht der Dinge. Grundsätzlich versuchen beide Seiten eine gute Gesprächskultur zu führen. Es hat in Tirol einen Wechsel an der Spitze der Seilbahnwirtschaft gegeben, von Franz Hörl zu Reinhard Klier. Damit hat sich der Ton auch konstruktiv geändert.
Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, was Seilbahnunternehmen im Umweltbereich gut machen? Und wo könnten Sie auch auf die Seilbahner zugehen?
Was bei vielen Seilbahnen gut läuft, sind Maßnahmen zum Klimaschutz, wie zum Beispiel die Verbesserung des Angebots für die öffentliche Anreise. Wenn wir aus der Vogelperspektive aufs Land schauen, tun wir uns schwer, auf die andere Seite zuzugehen und zu sagen: Ja, passt schon.
Bei der Weißseejochbahn, die gebaut worden ist, haben wir uns als ÖAV zum Beispiel nicht ins Behördenverfahren eingemischt. Aber bei den beiden erwähnten Gletscher-Projekten: Da würden wir unser Satzungsziel komplett verleugnen, wenn wir uns nicht einbrächten.
Sie hatten vorhin bereits die massiven Sommerarbeiten an den Gletscherskigebieten erwähnt. Wie lange, glauben Sie, kann man diese Art von Bewirtschaftung noch betreiben?
Das wird so lange gemacht, wie es möglich ist. In den nächsten Jahrzehnten wird das Gletschereis immer weniger. Ganze Bergstationen werden instabil, weil das Eis darunter wegschmilzt und der Permafrostboden bröckelt. Das sind enorme Herausforderungen, mit denen die Gebiete konfrontiert sind. Sie spüren den Klimawandel am eigenen Leib. Am Dachstein hat das Skigebiet ja bereits den Schlussstrich gezogen. Irgendwann wird auch in den anderen Gletscherskigebieten das Eis weg sein, wobei das nicht heißt, dass dann das Skifahren nicht mehr möglich ist.
Welche Möglichkeiten haben die Skigebiete, wenn jetzt die Umsätze im Ski- oder Wintertourismus ausbleiben? Gibt es Programme von der Regierung, die Wirtschaft und Gemeinden zu unterstützen?
Es gibt Programme für den ländlichen Raum. Aber die Regionen sind alle auf ihre Art Tourismus ausgerichtet, auch von der Kapazität. Apropos: Das musste in der Vergangenheit kritisch gesehen werden mit dem ungezügelten Bettenausbau. Wenn unten die Kapazitäten ausgebaut werden, steigt der Druck auch „oben“ auszubauen beziehungsweise wenn ein Skigebiet ausgebaut wird, steigt der Druck auf die anderen, das ebenfalls zu tun: eine „Erschließungsspirale“. Grenzenloses Wachstum in einer endlichen Landschaft ist aber nicht möglich. Bei den Betten ist das jüngst besser geworden. Hier wird verstärkt auf Wertschöpfung gesetzt. Manche Regionen vertragen auch gar nicht noch mehr Gäste.
Wie unterbricht man diese Erschließungsspirale?
Durch alpine Raumplanung. Man definiert Grenzen, zum Beispiel im Skigebiet. Innerhalb der Grenzen darf sich das Gebiet entfalten, aber alles, was außerhalb liegt, ist tabu. Wir kritisieren erst, wenn es davon Ausnahmen gibt. Wir hätten z.B. ein sehr gutes Raumordnungsprogramm für Skigebiete, es wurde aber über die Jahre aufgeweicht. Unsere Forderung: Absoluten Gletscherschutz und keine neuen Erschließungen mehr!
Zur Person: Benjamin Stern ist beim Österreichischen Alpenverein ÖAV für Raumplanung und Naturschutz zuständig. Er ist zudem Berg- und Skiführer. (26.03.2025)